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Axel Hacke und Jan Weiler als seine Vorbilder zu reklamieren, klingt schon anmaßend, aber beide sind immerhin unterhaltsame Lehrmeister ihres Faches. Meine EM war exakt 31 Kolumnen lang: Vom Autofahren, den Essgewohnheiten und weiteren persönlichen Eindrücken und Erlebnissen in Frankreich handelte der “Reporter unterwegs”, von Anfang Juni und bis Mitte Juli fester Bestandteil in der EM-Berichterstattung der Neuen Osnabrücker Zeitung. Eine Auswahl, sozusagen meine Fußball-EM im Schnelldurchlauf, ist gleichzeitig der abschließende Teil 4 meiner Berichterstattungs-Bilanz.

Wie Gott in Frankreich

(erschienen am 8. Juni)

Es gibt das Sprichwort vom Leben wie Gott in Frankreich. Johannes Kapitza hat es ausprobiert. Es ist für ihn noch ein sehr weiter Weg bis zum Olymp.

Mir fehlen die Worte, um den Mix meines Hotel in Évian zu beschreiben. Vielleicht reichen diese Eindrücke: Die Ersatzrolle Toilettenpapier ist mit einem Geschenkband samt Schleife verziert. Stühle in Treppenhaus und Gängen sind in der Regel von Teddybären besetzt. Das Restaurant besticht durch seinen monumentalen und dunkelrot-braunen Kolonialzeit-Stil, und auf der Terrasse am See wartet man sekündlich darauf, dass Roy Black oder Peter Alexander singend um die Ecke biegen.

Aber ich bin weder am Wörther- noch am Wolfgangsee und wohne nicht im Weißen Rössl, sondern im „Die Schwäne“. Wenigstens nicht bei den Fischen, aber zu denen sehne ich mich am Abend. Sollten Sie jemals im Ausland in einem Restaurant essen: Tisch 102B ist vermutlich immer der Platz für Härtefälle. Raten Sie, wo ich sitze.

Ein bisschen habe ich mich vorbereitet auf Frankreich, aber bei Speisekarten bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich bestelle also auf Englisch aus der englischen Karte. Derangiert fühle ich mich trotzdem, die Franzosen setzen beim Essen schließlich Maßstäbe. Muss ich eigentlich den Aperitif-Wein bis zum Hauptgang geleert haben? Sind Brötchen und Butter vielleicht erst die Beilage zum Hauptgang? Warum tuscheln die Kellner, wenn sie in meine Richtung schauen? Und nimmt mich die Bedienung überhaupt für voll, wenn am Strohhalm der Apfelschorle ein kleiner Lametta-Kranz durch die Gegend puschelt? Ich sage es mal so: Ich will es hoffen für den Preis.

Um Sie aufzuklären und mich zu beruhigen: Die Brötchen darf man wirklich vorab essen, die Wein-Trinkgeschwindigkeit ist nicht vorgegeben und die Rechnung geht erst mal aufs Zimmer. Ach so, es gab eine Beilage, und das Fleisch war sehr lecker. Ich habe überlegt, den Knochen heimlich dem Hund des Hauses zuzustecken oder ihn selbst runterzuschlingen. Zu verlieren hatte ich anscheinend eh nicht mehr viel und als guter Gast isst man gefälligst auf. Und verabschiedet sich mit einem Liedchen von Peter Alexander auf den Lippen. Sie sind halt manchmal komisch, diese Deutschen.

 

www ins Glück.de

(erschienen am 11. Juni)

Ist eigentlich gerade irgendjemand im Internet? Und wenn  ja, dürfte Johannes Kapitza es mitbenutzen? Journalisten brauchen Empfang – am besten immer.

Wann ist der Mann ein Mann? Herbert Grönemeyer hat vier Minuten gebraucht, um darauf eine musikalische Antwort zu finden, aber allumfassend war die Frage auch dann noch nicht beantwortet. Vielleicht hätte er sich ein weniger philosophisches Thema oder deutlich mehr Zeit nehmen sollen. Oder er hätte die Uefa um Rat bitten können, denn die kann beantwortet Existenzfragen mit ihrem Regelwerk. Wann ist ein Journalist ein Journalist? Wenn er seine Akkreditierung um den Hals hängen hat. Bei mir ist das seit Donnerstag der Fall.

Wann ist ein Journalist ein glücklicher Journalist? Ja, da wird es wieder philosophisch. Auf jeden Fall, wenn er das Stadion einmal fast komplett umrundet hat und dann den richtigen Eingang findet. Am Tag vor dem Turnier waren eben noch nicht alle Einlässe geöffnet. Ein ziemlich sicherer Glücksfaktor ist das Internet. 2016 sind zwar im Extremfall Spiele ohne Zuschauer denkbar, aber Journalisten ohne Internet? Das wäre wohl ein Grund für einen EM-Abbruch.

Das nur am Rande: In meiner Unterkunft habe ich guten Internetempfang, was wohl auch daran liegt, dass es ein ziemlich sicherer Zugang ist. Der W-Lan-Schlüssel meines Vermieters ist exakt 26 Zeichen lang.

Im Medienbereich im Stadion ist das Internet sogar noch ein paar Empfangsbalken stärker. Nur mein Tischnachbar hadert damit. Ich habe mich zu ihm gesetzt, weil er freundlich schien. Was ich ihm nicht ansah: Er kann auch fluchen. Er tut es leise, aber Fluchen bleibt Fluchen.

In der Bahn nach Hause erlebe ich später Ähnliches. Mein Gegenüber verzieht regelmäßig die Miene und murmelt etwas. Ich kann seine Lippen nicht lesen. Vielleicht rezitiert er Grönemeyer. Den habe ich trotz gleicher Muttersprache manchmal nicht verstanden. Und über die Frage, wann ein Mann nun ein Mann ist, kann man auch in Frankreich philosophieren. Auch länger als vier Minuten. Selbst ohne Internetempfang.

 

Bei den Sch‘tis

(erschienen am 13. Juni)

Hölzerne Aussprache, eingerostetes Vokabular – ach, wenn es doch nur das wäre… Das Französisch von Johannes Kapitza war zu Reisebeginn eher non existant.

Kennen Sie den Film „Willkommen bei den Sch’tis“? Darin geht es um die Vorurteile von Südfranzosen gegenüber den Nordfranzosen in der Region um Lille, aufgehängt an einer andersch auschgeprägten Auschsprache im Norden. Der Film ist durchaus empfehlenswert, wenn man leichte, charmante Komödien mag. Dazu sei gesagt: Ich kann diese Dialekt-Diskrepanzen mit einer gewissen Distanz sehen. Ob die Franzosen gerade diese oder jene Mundart sprechen, ist mir herzlich egal.

Irgendwann kommt es ja eh raus: Mein Französisch ist nicht das Beste. Mir wurde das ganze Ausmaß meines begrenzten Wortschatzes richtig bewusst, als ich in meinem ersten Hotel eine Frage mit einem herzlichen „sí“ beantwortete. Da hat mein Sprachzentrum ganz selbstständig ein anderes Wörterbuch angesteuert. Aber Spanisch kann auch hilfreich sein. Es war für ein Zimmermädchen und mich die sprachliche Mitte zwischen Französisch (sie) und Englisch (ich).

Bislang bin ich mit ein paar Brocken Französisch ganz gut zurecht gekommen. Gleich am ersten Tag unterlief mir allerdings in einer Formulierung in einem meiner Texte ein Fauxpas. Aufmerksame Kollegen korrigierten sie, bevor sie gedruckt wurde. Ein herzliches „merci beaucoup“ dafür in die Heimat!

Auf dem Weg zu den Sch’tis bin ich am Wochenende übrigens am Parc Astérix vorbeigekommen. Der Freizeitpark liegt nahe der Autobahn von Paris nach Lille und ist dem kleinen Gallier gewidmet, der – wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen – ein Sprachengenie ist, das überall verstanden wird. Die spinnen, die Römer. Das ist schließlich international bekannt. Man kann es in jedem guten Fachbuch nachlesen. Die besten Werke über Astérix sind allerdings nicht geschrieben, sondern gezeichnet.

 

Chez Maxime

(erschienen am 22. Juni)

Langsam, aber sicher findet sich Johannes Kapitza immer besser in Paris und bei den Franzosen zurecht – auch Maxime sei dafür Dank.

Ich bin jetzt zum dritten Mal in Paris und zum dritten Mal bei Maxime untergebracht, der ein Bed & Breakfast-Zimmer im Nordosten der Stadt anbietet. Er ist mehr als ein Vermieter: Er ist auch jeden Morgen ein scheinbar unerschütterlicher Quell der Ruhe. Oder so früh einfach noch nicht ganz auf Touren. Das macht ihn mir sympathisch.

Wir kennen uns erst ein paar Tage, aber haben schnell unseren Rhythmus gefunden. Um 8 Uhr gibt es Frühstück. Da Maxime Innenarchitekt ist, hat er in dem eine halbe Etage tiefer gelegenen früheren Keller des Hauses ein Schmuckstück von einer Küche eingerichtet. Wenn ich dort eintreffe, ist das Frühstück bereits angerichtet. Jeden Morgen macht sich Maxime pflichtbewusst auf und besorgt frische Croissants und Baguette. Dazu gibt es Butter, Marmelade, Orangensaft und Kaffee.

8 Uhr sei eine gute Zeit zum Frühstücken, hat Maxime versichert, aber ganz wach scheint er dann noch nicht zu sein. Da liegen wir auf einer Wellenlänge. Die zweite Tasse Kaffee lehne ich dennoch regelmäßig dankend ab. Körper und Geist sollen sich nicht daran gewöhnen, erst durch einen Koffeinschock in die Gänge zu kommen. Maxime hat dafür vollstes Verständnis, bietet aber immer noch einen Nachschlag an, jeden Morgen aufs Neue. Er ist halt ein höflicher Gastgeber.

Die Mahlzeit verläuft ruhig, das Frühstücksfernsehen läuft, und wenn ich mal etwas aufschnappe, dann frage ich, ob ich es richtig verstanden habe. Maxime ist dieser Tage nicht nur Innenarchitekt, sondern während meines Aufenthalts auch ein geduldiger Französischlehrer. Ein paar Brocken seiner Sprache bekomme ich allmählich zusammen. Mein Dozent scheint zufrieden mit mir. „Am Ende der Reise bist du ein Franzose“, hat er mir mal gesagt.

Wenn es hart auf hart kommt und wir Missverständnisse vermeiden wollen, landen wir dann meistens doch bei Englisch. Auch für ihn ist das eine gute Übung, findet er. Aber ob ich ihm sagen soll, dass er am Ende meines Besuchs ein Engländer ist? Ich glaube, dieses Kompliment verkneife ich mir. Ich will die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Franzosen ja nicht unnötig auf die Probe stellen.

 

Engel im Waschsalon

(erschienen am 27. Juni)

Eine Waschmaschine kann Johannes Kapitza bedienen. Aber auf Französisch?

Ja, es war Wochenende. Aber daran mache ich meine Waschtage nicht fest. Allerdings sind fünf Wochen auch in Frankreich eine lange Zeit, weshalb ich zwischendurch einfach mal Kleidung waschen musste. Wann geht das besser als an einem halbwegs ruhigen Tag?

Bislang hatte ich auf provisorische Handwäsche gesetzt. Dabei waren die Trocknungsmöglichkeiten leider immer überschaubar. Es klingt banal, aber das sind die wahren Probleme im Alltag eines EM-Reporters.

In Lille steuere ich einen Waschsalon an. Eine Premiere. So eine Einrichtung habe ich noch nicht einmal in  Deutschland von innen gesehen. Bedienungsanleitungen gibt es allerhand, aber bis ich die übersetzt habe, wird das Wochenende wohl vorbei sein. Zum Glück tritt Hilfe durch die Tür: Julia, eine Studentin, die mir den Weg durchs französische Waschlabyrinth erklärt. Ihr Waschmittel darf ich mitbenutzen. Dann brauche ich keines aus dem Automaten zu ziehen, meint sie.

Während sich die Wäsche im Schleudergang vergnügt – ja, das hält sie aus – steuere ich ein Casino an. Ich will nicht den Betrag des gesparten Waschmittels aufs Spiel setzen, sondern bei einem Casino handelt es sich in Frankreich um einen kleinen Supermarkt. Ich kaufe Getränke für mich und eine kleine Schokolade als Dankeschön. Unsere Maschinen sind gleichzeitig fertig und später überlässt Julia mir auch noch ein paar Minuten ihres Trockners, weil es meiner nicht geschafft hat, die Wäsche in einem Durchgang koffertrocken zu föhnen.

Es gibt Begegnungen, die machen das (Über-)Leben im Ausland leichter. Hilfe habe ich schon oft bekommen. Für viele Helfer ist das selbstverständlich. So wie Wäschewaschen. Ich beherrsche es jetzt auch auf Französisch. Dank Julia, dem Nachhilfe-Engel aus dem Waschsalon in der Rue Meurein in Lille.

 

Als Onkel auf Reisen

(erschienen am 30. Juni)

So weit weg von zuhause und das schon fast einen Monat – da darf Johannes Kapitza für einen Moment sentimental werden.

Vor der Abreise nach Frankreich bin ich gefragt worden, was ich am meisten vermissen werde. Klar, dass die Familie ganz oben auf der Liste steht, kurz vor Freunden und einigen Kollegen, die ja auch wie eine Familie sein können.

Was mich am meisten gewurmt hat: Ich war darauf eingestellt, zum zweiten Mal Onkel zu werden, kurz nachdem ich mich auf den Weg gemacht habe. Nun hatte meine Nichte anscheinend den Drang, mich noch vor der EM kennenzulernen, denn sie erblickte einige Tage vor dem erwarteten Termin das Licht der Welt. Das hat meine Planung ein bisschen durcheinandergeworfen, denn der finale Countdown für Frankreich war mit Terminen gepflastert. Dies musste noch erledigt, jenes besorgt werden.

Nun kam also noch ein Besuch bei einem frisch geborenen Erdenbürger hinzu, aber das war mir lieber, als Hunderte oder mehr Kilometer entfernt davon zu erfahren, Onkel geworden zu sein. Nun habe ich meine Nichte also schon nach den ersten Tagen auf der Welt kennen gelernt. Wenn ich wieder zurück bin, kann ich ihr in die Wange kneifen und sagen „du bist aber groß geworden“. Kinder finden das gemeinhin ja nicht mal annähernd mittelklasse, aber zum Glück ist meine Nichte noch zu klein, um das zu verstehen. Es wird ihr Spanisch vorkommen, vielleicht auch ein bisschen Französisch.

Apropos: In diesem Land sind ja viele Regionen – wie die Champagne – nach berühmten Getränken – wie dem Champagner – benannt (oder war es andersrum?). Ich kann an einem freien Abend mal das Glas auf meine Nichte erheben. „Sante!“ sagt man in Frankreich dazu. Das heißt nicht nur „Prost“, sondern bedeutet übersetzt eigentlich „Gesundheit“. Etwas Besseres kann man einem frisch geborenen Kind ja wohl kaum wünschen.

 

Aus der Tiefe des Koffers

(erschienen am 5. Juli)

Stell dir vor, es ist EM und du hast nichts anzuziehen. Johannes Kapitza wird das nicht passieren. Hofft er zumindest.

Ich will nicht sagen, dass ich meinen Koffer wahllos gepackt hätte, aber… okay, ich habe meinen Koffer ein bisschen wahllos gepackt, denn wenn ich fünf Wochen auf Reisen gehe, wird es irgendwann sehr übersichtlich im Kleiderschrank. Alles, was sich nicht wehrte, ist mitgereist. Kriegen Sie jetzt keinen Schreck, natürlich hat ein Redakteur mehr als fünf Paar Socken und zehn T-Shirts im Schrank. Aber irgendwann sind zum Beispiel die Jeans-Vorräte eines Mannes schlichtweg erschöpft.

Bei den Hemden habe ich das Pack-Prinzip umgekehrt angewandt. Ein paar ausgesuchte Exemplare durften mit, der Großteil blieb zuhause. Schieben Sie es gerne auf die Hemden, die mitgereist sind, aber ich muss an dieser Stelle einen kleinen Exkurs machen: Ob meiner überschaubaren Französisch-Kenntnisse habe ich mir vor dem Turnier ein kleines Bildwörterbuch gekauft. Es enthält „1500 nützliche Wörter für den Alltag“, ihre Lautsprache, und wenn das auch nicht hilft, in letzter Instanz Bilder für die sprachlose Verständigung. Das Repertoire des kleinen Wunderwerks reicht vom Tintenstrahldrucker (l’imprimante à jet d’encre) bis zum Bandscheibenvorfall (la hernie discale). Beides habe ich noch nicht gebraucht.

Was das mit dem Kofferpacken zu tun hat? Auf dem Titelblatt des Sprachhelfers ist ein Bügeleisen (le fer à repasser) abgebildet. Das Mini-Lexikon ist damit mein Papier gewordenes schlechtes Gewissen, denn die Hemden liegen zum größten Teil noch im Koffer. Es war nicht wahllos, sondern ich habe bislang gezielt an ihnen vorbeigegriffen. Um es freundlich auszudrücken: Sie sind nicht so ganz in EM-Form. Da hilft auch das Französisch-Bildwörterbuch nicht. Nur ein fer à repasser in der Realität, wenn in der letzten EM-Woche alles glattgehen soll.

 

Bitte lächeln!

(erschienen am 9. Juli)

Die UEFA ist schon eine putzige Organisation. Johannes Kapitza meint das nicht nur als Kompliment.

Was für eine Stimmung in Marseille! Die Fans dürfen das Stadionerlebnis sogar festhalten. Bei Hymnen und Fangesängen wird fleißig mit dem Handy gefilmt. Auf der Pressetribüne ist das verboten. Wir sprechen nicht davon, Szenen live ins Internet zu übertragen. Dass sich andere Übertragungsrechte viel Geld kosten lassen, soll gewürdigt werden. Aber selbst Erinnerungsfotos und kurze Videos sind nicht gestattet.

Die UEFA hat Journalisten vor Kurzem extra noch mal in einer E-Mail darauf hingewiesen. Fotografiert wird trotzdem für das digitale EM-Album. In Bordeaux hat die UEFA zurückfotografiert, welche Journalisten fotografiert haben. Wenn das die größten Probleme des Verbandes sind…

In Marseille weisen Volunteers mit Nachdruck auf das Verbot hin. Das ist ihr Job. Einer hat auch eine Lösung für den Kollegen, der gerne ein Erinnerungsfoto von sich haben will. Auf der Zuschauertribüne direkt nebenan wäre das kein Problem, aber eben bitte nicht auf den Medienplätzen. Bei Verstoß droht der sofortige Entzug der Akkreditierung. Das will vor dem Endspiel niemand riskieren, aber eine Verwarnung der UEFA nimmt man noch in Kauf. Gelbe Karten werden ja nicht ins Finale übertragen.

Von der UEFA bekomme ich übrigens eine blaue Karte. Wenige Quadratzentimeter Pappe entscheiden von Spiel zu Spiel, welcher Journalist in die Pressekonferenz (Gelb) oder die Mixed Zone (Blau) darf. Ich hatte im Vorfeld unter den deutschen Journalisten eine Pressekonferenz-Karte bekommen, stelle mich danach aber noch für den Interviewbereich an. Eine Warteliste? Gibt’ s am Donnerstag nicht. Nur ein blaues Kärtchen von einem Volunteer. Und ein Lächeln dazu. So mag ich die UEFA am liebsten.

 

Auf ein Wort

(erschienen am 11. Juli)

Das Turnier neigt sich dem Ende entgegen. Johannes Kapitza muss aber vorher noch ganz vielen Menschen „merci“ sagen.

Bei wem fange ich an? Bei Ihnen, liebe Leser. Schließlich bin ich vor allem für Sie unterwegs gewesen, und Sie haben – anders als bei manchem Fernsehkommentator – keine Gruppe im Internet gebildet, die meine sofortige Absetzung gefordert hätte. In Zeiten von gleichsam urplötzlichen wie unerbittlichen Shitstorms ist das ja ein Vertrauensbeweis und es zeigt mir, dass Sie sich von mir ganz gut informiert – und manchmal auch unterhalten – gefühlt haben.

Auf verschiedenen Wegen habe ich Rückmeldungen erhalten, übrigens genau wie meine Eltern. Und ja: Jeder, der mir schon mal die Haare geschnitten hat oder sonst mit mir zu tun hatte, darf gerne reklamieren, irgendwie zu meiner EM-Reise beigetragen zu haben. Dass so viele Menschen Anteil genommen haben, freut mich riesig!

Danke sage  ich auch den Kollegen in der Heimat: Sie haben den Laden am Laufen gehalten. Es gab ja nicht nur die EM…

Ich ahne, dass sie auch mal geflucht haben, wenn meine Artikel viel zu lang waren und gekürzt werden mussten. Aber ich hatte nie Sorge, dass ich von ihnen keinen Rückhalt bekommen würde. Wie ich, haben sie wenig Freizeit gehabt, sondern viel gearbeitet und trotzdem immer ein offenes Ohr gehabt und Fragen beantwortet – ein tolles Team, nicht zu vergessen meine Reisemanagerin, die auch mit wenig Vorlauf gute Unterkünfte zu konkurrenzlosen Preisen organisiert hat.

Jetzt bleibt nicht mehr viel Platz, aber ich müsste noch so vielen Menschen danken: Allen, die mich auf der Reise unterstützt haben, dem französischen Pannendienst, den Volunteers, jedem hilfreichen Mitmenschen, der Uefa für den nicht selbstverständlichen Arbeitsplatz im Finale. Auf Französisch sage ich in Anlehnung an Horst Hrubesch nur ein Wort: Merci beaucoup!

 

Fürs Leben gelernt

(erschienen am 12. Juli)

Nach dem Spiel ist vor dem Urlaub. Johannes Kapitza nimmt Abschied von der EM.

Landläufig heißt es: Franzosen können kein Englisch. In Anlehnung an Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, zwei Großmeister des Humors, kann ich sagen: Das Vorurteil stimmt, erschreckend oft.

Non, je ne regrette rien. Ich bereue nichts. Ich war elf oder zwölf Jahre alt, als ich meine zweite Fremdsprache wählen musste. Hätte ich auch nur geahnt, dass ich rund 20 Jahre später zur Fußball-EM nach Frankreich fahre, hätte das wohl meine Entscheidung beeinflusst. Aber nach der Vorführstunde am Gymnasium entschied ich mich aus dem Bauchgefühl heraus – und wählte Latein.

Der Lateiner kennt kluge Worte. „Non scholae sed vitae discimus“, sagt er. Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben. Das habe ich schon während der Schulzeit getan, aber in den letzten fünf Wochen ist noch mal eine Menge hinzugekommen. Die Lektion nach dem Finale: Die Franzosen haben ein gestörtes Zeitgefühl oder sind schlechte Verlierer. Besonders lange sollten die Bahnen nach dem Endspiel fahren, hatten sie angekündigt. Um 1 Uhr sind alle Metrostationen geschlossen. Nach zweieinhalb Kilometern zu Fuß findet sich ein freies Taxi für die zweite Hälfte des Heimwegs.

Vielleicht bin ich viel zu selten nachts um 2 Uhr unterwegs. Auf jeden Fall ist mir noch nie Ähnliches passiert: An der Kreuzung, an der mich das Taxi abgesetzt hat, bittet mich eine Mutter um Hilfe; auf ihrem Autodach steht ein Goldfisch im Transportbehälter, sein Glas und Fischfutter sind in einer Tüte. Die Frau trägt ihre schlafende Tochter zur nahen Haustür, ich übernehme den Fisch und sein künftiges Zuhause. Paris hinterlässt einen surrealen letzten Eindruck.

Für mich ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen. Der Franzose sagt zu solchen Anlässen „bye-bye“ – wenn er denn Englisch kann.

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