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Fünf Wochen Frankreich, mehr als 100 eigene Artikel und unzählige Kollegen aus aller Herren Länder, die für Zeitungen, Radio, Fernsehen und das Internet berichtet haben. Mit einigen habe ich über die EM gesprochen, ihre Länder, ihre Aussichten, ihre Bilanzen – ein Teil der Kollegen wurde veröffentlicht im Rahmen der EM-Berichterstattung der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie der Zeitungskooperation G14plus im Juni und Juli 2016. Teil 3 meiner EM-Bilanz: Die Kollegen dürfen zu Wort kommen (womit ich gleich einen Dank verbinde: An die Kollegen, die mir Rede und Antwort gestanden haben, an die Kollegen in der Heimat, die meine EM-Reise erst möglich gemacht und unterstützt haben, und an alle Kollegen, die ich getroffen habe und die mich beim nächsten Wiedersehen noch kennen).

internationale EM-Journalisten

  • Vitaly Pavlyshyn (links), Journalist der Zeitung „Sportyvka“ aus Lviv, fasste seine Eindrücke vom EM-Auftakt der Ukraine nach der Niederlage gegen Deutschland zusammen (erschienen am 14. Juni):

Die 0:2-Niederlage war ein Ergebnis, wie ich es erwartet habe. In den letzten Minuten der ersten Halbzeit hat die ukrainische Mannschaft sehr gut gespielt. Da lief viel zusammen und das Team hat sich so präsentiert, wie wir es sehen wollten.

Allerdings hatten wir auch Schwierigkeiten mit den Deutschen und die Mannschaft ist nicht die jüngste. Physisch konnten die Spieler nicht das ganze Match so spielen wie zum Ende der ersten Hälfte. Irgendwann ließen die Kräfte nach. Es sah auch so aus, als hätten einige Spieler großen Respekt vor den Deutschen gehabt. Sie sind nicht immer mit der nötigen Aggressivität aufgetreten.

Das nächste Spiel gegen die Nordiren wird sehr hart, denn auch sie haben ihr Auftaktspiel verloren. Dennoch glaube ich, dass wir noch Zweiter in der Gruppe werden können. Erster? Das werden natürlich die Deutschen, denn sie sind die beste Mannschaft der Gruppe. Sie können auch das Turnier gewinnen, aber dafür brauchen sie auch noch ein bisschen Hilfe von Fortuna.

 

  • Für Luis Fernando Restrepo (Zweiter von links) und seine Crew von DirecTV war jeder Tag ein Spieltag – und das bei der Euro, die für den 40-jährigen TV-Moderator ihren Reiz hat, auch wenn das Team seines Heimatlandes Kolumbien gerade bei der Copa America spielt (erschienen am 20. Juni).

Diese Euro ist bislang fantastisch, was die Erweiterung auf 24 Teams angeht. Es gibt uns die Chance, kleinere Länder zu sehen. Das hat den Wettbewerb aufgefrischt. Ich denke, der Fußball steckt mitten in einer Globalisierungs-Bewegung. Das hat man auch schon 2014 in Brasilien gesehen: Die kleinen Nationen werden stärker. Das führt zu mehr Spektakel und einer größeren Show für die Zuschauer. Das macht das Turnier besser.

Es ist der Taktik geschuldet, dass bislang nicht so viele Tore gefallen sind, aber das Turnier hat ja gerade erst begonnen. Ich glaube, das dass Niveau der Teams und die Qualität der einzelnen Spieler sehr ausgeglichen ist. Da ist es klar, dass es viele knappe Ergebnisse mit wenigen Toren gibt.

Was die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Euro betrifft: Ich kann verstehen, dass das Land gerade eine schwierige Zeit durchmacht. Frankreich muss versuchen, mit verschiedenen Dingen gleichzeitig klarzukommen: Es gibt einerseits die Terrorgefahr, aber andererseits müssen die Sicherheitskräfte auch die Fans und die Hooligans kontrollieren. Ich persönlich glaube, dass diese engen Sicherheitsmaßnahmen gut sind, denn ich fühle mich dadurch in den Stadien sicherer. Klar wird man am Eingang durchsucht und muss jedes Mal seine Taschen öffnen, aber ich glaube, das ist gut für alle. Ich fühle mich komplett sicher.

Es ist leicht zu erklären, warum ich als Kolumbianer gerade in Frankreich und nicht bei der Copa America bin. Mein Sender überträgt die großen Events in diesem Sommer und hat sein Team aufgeteilt. Da ich der Großbritannien-Korrespondent bin, wurde ich für die Euro ausgewählt. Zuvor habe ich aber schon die ersten sieben Tagen der Copa America mit meinen Kollegen vom Radio verfolgt und ich hatte die Chance, beides zu schmecken: Die Copa und die Euro. Mir gefällt beides. Die Euro ist rundherum organisierter, und die Mannschaften halten sich an bessere Strategien. Aber die Copa hat nun mal einfach das Flair von lateinamerikanischem Fußball – alle sind leidenschaftlicher. Es ist mehr Karneval.

 

  • Reporter David Fioux (Dritter von links) begleitete die deutsche Mannschaft in Frankreich für die Sportzeitung L’Equipe. Der 34-Jährige fasste seinen Eindruck von der Stimmung im Land zusammen (erschienen am 23. Juni):

Wir Franzosen sind ganz gute Gastgeber, glaube ich. Ich habe noch nicht gehört, dass die Spieler von der Stimmung in den Stadien enttäuscht gewesen wären, und es haben sich auch noch keine Touristen verirrt. Die EM hat vielleicht noch nicht die Atmosphäre eines großen Traums erreicht. Ende Mai waren 10000 Fans bei einem Vorbereitungstraining der französischen Mannschaft in Biarritz und konnten den Start der Euro kaum erwarten.

Zu Beginn des Turniers war das Gefühl dann ein bisschen komisch: Die Nachrichten der letzten Wochen und Monate waren nicht so positiv. Der Terrorismus hat den Alltag in Paris verändert. Die Leute gehen nicht traurig durch die Straßen, aber es herrscht nicht mehr die gleiche Freude wie früher. Und auch der Streik und das schlechte Wetter – eigentlich nichts Wichtiges – haben die Laune der Menschen dann negativ beeinflusst. Manche Dinge aus dem Alltag lassen einen eben auch während der EM nicht los.

Nichtsdestotrotz ist die EM eine Chance für die Franzosen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Sportlich hatten wir erwartet, dass die Abwehr eine Schwachstelle wird und wir immer viele Tore schießen müssen, um ein Spiel zu gewinnen. Tja, und das hatten wir unserer Mannschaft nicht so zugetraut. Jetzt aber ist die Defensive stark. Tore könnten wir noch ein paar mehr schießen, aber die Mannschaft überrascht uns positiv.

Bislang hat unser Team noch nicht sein bestes Spiel gezeigt. Am Anfang rund um das erste Spiel in Marseille gab es fast zu viel Unterstützung von den Fans. Da haben die Spieler einen großen Druck gespürt. Noch sind nicht alle Franzosen enthusiastisch, aber aktuell merkt man: Eine Woche ohne Spiel der Franzosen können die Leute kaum noch ertragen. Sie sind ungeduldig.

Die Freude wird sich noch von Spiel zu Spiel steigern. Wenn wir ein bisschen Glück mit den Gegnern haben, werden wir ohne große Probleme ins Halbfinale kommen. Ich würde die Mannschaft gerne gegen große Gegner wie Spanien und Deutschland spielen sehen. Das würde die Franzosen auch zusammenschweißen und das gesamte Land mitfiebern lassen. Das kann dann ein riesiger Zusammenhalt werden, so wie ihn zum Beispiel die Nordiren und Iren zeigen. Eine so unglaubliche Unterstützung habe ich vorher noch nicht gesehen. Die Fans feiern friedlich, das ist ein schöner Gegensatz zu den Szenen, die Hooligans zu Beginn des Turniers in Marseille produziert haben. Die Fans reisen durchs Land, haben Spaß. Das merken auch die Spieler. Bis jetzt ist die EM für mich ein Erfolg, und sie wird in den nächsten Wochen noch besser werden.

Das gilt übrigens auch für das Thema Sicherheit: Es war befürchtet worden, dass Fans stundenlang bei den Kontrollen an den Stadien anstehen müssten, aber das hat sich nicht bewahrheitet. Man konnte am Anfang auch die Sorge unter den Fans spüren, aber zurzeit bleibt alles im Rahmen und auch die Hooligans machen keine Probleme. Ich habe in den Stadien keine ängstlichen Menschen gesehen. Hoffen wir, dass es so bleibt.

 

  • Patrick Agnew (Vierter von links) berichtete für das Magazin World Soccer von der EM in Frankreich. Der 64-jährige Ire freute sich nach dem letzten Gruppenspiel und dem späten 1:0-Sieg gegen Italien für die Fans, blieb aber bei aller Euphorie auch Realist.

In Dublin und ganz Irland wurde am Mittwoch viel gefeiert, viel getrunken und viel gesungen – es war ein großer Spaß, nehme ich an. Ich glaube, wir haben es verdient, gegen Italien zu gewinnen. Jedes Spiel hat seine eigene Geschichte. In diesem Fall war es etwas komisch, weil Italien keinen Punkt mehr brauchte, um weiterzukommen. Sie hatten die Gruppe schon gewonnen, haben viel durchgewechselt und das hat unsere Aufgabe etwas einfacher gemacht – keine Frage. Aber etwas, das die Iren gut gemacht haben: Sie haben das Spiel von der ersten Minute an übernommen und alles gegeben.

Kurz vor der Pause hätten sie meiner Meinung nach einen Elfmeter bekommen müssen. In der zweiten Halbzeit hat Irland dann angefangen nachzulassen. Als Insigne angetreten ist und den Pfosten getroffen hat, da habe ich gedacht: Das ist ein klassisch italienischer Auftritt. Sie spielen nicht gut, aber sie schießen ein Tor. Aber die Iren haben nicht aufgegeben, das ist unsere Stärke. Ich glaube, wir haben ein sehr bescheidenes Team. Wir haben nicht die Spieler, die bei Barcelona, Madrid, Juventus oder AS Rom spielen. Aber wir haben ehrliche Spieler, die hart Arbeiten und viel laufen – ein bisschen so wie Nordirland. Sie sind vielleicht noch bescheidener, aber auch sie haben es geschafft, die nötigen Ergebnisse durch harte Arbeit zu holen.

Die Fans aus Irland sind fantastisch. Sie trinken viel, aber sie kämpfen nicht. Sie sind genau wie die Nordiren sehr enthusiastisch, aber für sie ist das auch einfach, denn sie sind bei so etwas normalerweise nicht dabei. Für Nordirland ist es die erste EM. Die Iren haben schon ein paar größere Turniere gespielt, aber sie sind immer noch sehr glücklich, überhaupt dabei zu sein. Italienische Fans kommen hierher und erwarten mindestens das Halbfinale. Die Deutschen kommen hierher und erwarten, dass ihre Mannschaft ins Finale kommt. Die Iren haben diese Erwartungen einfach nicht.

Ich glaube, Frankreich wird das Achtelfinale gewinnen. Das ist dann das Ende des irischen Abenteuers für dieses Jahr. Wir werden unseren Humor nicht verlieren. Ich garantiere: Selbst wenn Frankreich gewinnt, werden die Iren ihrem Team am Ende applaudieren, denn die Mannschaft hat ihnen ein wunderbares Abenteuer beschert.

 

  • Der 39-Jährige Rafael Sahuquillo Nuevalos (Fünfter von links) ist Chefredakteur beim Radiokanal des spanischen Sport-Medienunternehmens Marca und sprach nach der Niederlage gegen Italien über das Aus seiner Mannschaft im Achtelfinale:

Es war ein komisches Spiel. Die Italiener haben uns verdient geschlagen. Wir mussten unser Bestes geben, aber es hat nicht gereicht, um zu gewinnen. Italien kennt unsere Mannschaft sehr gut. Sie waren sehr konzentriert bei der Sache, und dann ist Fußball eben manchmal so wie am Montagabend und man verliert. Dabei hat De Gea wirklich ein paar sehr gute Paraden gezeigt, aber die Italiener hatten Buffon – auch er hat einige Bälle stark gehalten. Es ist schade, dass Spanien verloren hat, aber keine Serie hält eben für immer.

Wir sind Vicente del Bosque sehr dankbar für seine Arbeit, denn seitdem er die Nationalmannschaft 2008 übernommen hat, hat er großartige Dinge für den spanischen Fußball erzielt. Welt- und Europameister zu werden, diese Erfolge vergisst kein Spanier. Aber ich denke, jetzt ist es an der Zeit für ihn zu gehen und sein Amt als Nationaltrainer abzugeben.

 

  • Die Italienerin Monica Vanali (Sechste von links), ist Fernsehmoderatorin bei Italia Uno, einem Sender der Berlusconi-Gesellschaft mediasat. Die Fußballkennerin blickte im Trainingsquartier der Italiener auf das Viertelfinale gegen Deutschland voraus (erschienen am 2. Juli):

„Ich glaube, dass das ein sehr schwieriges Spiel wird für Italien, weil Deutschland eine starke Mannschaft hat. Italien will unbedingt gewinnen, das wird sehr schwer, obwohl wir in den letzten Duellen immer gewonnen haben. Darunter leiden die Deutschen, aber das macht ihre Motivation nur noch größer. Unser Problem könnte werden, dass Daniele de Rossi möglicherweise ausfällt, er ist der wichtigste Mann in unserem Mittelfeld. Wir haben zwei gute Stürmer, aber wird das reichen? Deutschland hat sehr viele starke Offensivspieler. Wie das Spiel ausgeht? Hilfe, Hilfe – wir kreuzen die Finger, wie man das in Italien tut; das ist so wie Daumendrücken in Deutschland. Ich habe nur vor einer Sache Angst: Dass wir ins Elfmeterschießen müssen…

 

  • Manuel Silva (rechts) fehlten nicht die Worte, aber die Stimme: 120 Minuten lang hatte der 39-jährige das Finale für den portugiesischen Sender RTP kommentiert. Dann war auch er Europameister.

Es ist unglaublich: Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte den EM-Titel gewonnen. Wir sind ein kleines Land, aber wir haben große Fußballspieler. Ich kann es nicht fassen. Für uns Journalisten ist es schwierig, die Emotionen überschlagen sich: Wir versuchen, unseren Job zu machen und möglichst sachlich zu berichten, aber wir sind auch sehr, sehr glücklich. Wir wissen, dass das ganze Land jetzt feiert. Es ist ein wunderbarer Moment für das gesamte Land.

Die Aktion, die dazu geführt hat, dass Cristiano Ronaldo so früh vom Feld musste, war nicht fair. Dass wir so lange ohne unseren Kapitän auskommen mussten, macht die Leistung der gesamten Mannschaft umso größer. Wir wussten, dass das Team wie eine Einheit zusammensteht. Das hat uns die entscheidende Stärke gegeben. Der eingewechselte Quaresma ist gut ins Spiel gekommen, Nani hat die Führung im Team übernommen. Wir haben sehr gut verteidigt. Natürlich hatten wir auch ein bisschen Glück, zum Beispiel in der Nachspielzeit, als Gignac den Pfosten getroffen hat. Aber am Ende ist es ein verdienter Sieg, glaube ich. Es war nicht der beste Fußball, den ich von einem portugiesischen Team jemals gesehen habe, aber es war ein sehr effizientes Spiel. Die Spieler wussten, wie sie mit ihren Waffen spielen mussten, um die Schwächen von Frankreich auszunutzen. Ich glaube, das ist das Geheimnis unseres Sieges.

Auf den T-Shirts, die die Spieler nach dem Abpfiff angezogen haben, stand „Einer von elf Millionen“. Das bezieht sich auf eine Aussage unseres Trainers Fernando Santos. Er hat vor der EM gesagt: Wir sind nicht nur elf Spieler, sondern elf Millionen Portugiesen, die das Team unterstützen. Nun ist es ist ein sehr besonderes Gefühl, hier den Titel gewonnen zu haben, denn es gibt auch in Frankreich eine Menge portugiesischer Auswanderer. Mehr als eine Million Menschen in Frankreich haben portugiesische Wurzeln. Sie haben sehr auf diesen Titel gewartet und können nun feiern.

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